Zu den Werken
Johann Sebastian Bach schrieb
das Präludium und Fuge e-Moll (BWV 548) in seiner
Leipziger Zeit (nach 1723). Das Präludium ist als Concerto grosso
aufgebaut mit der Gegenüberstellung vollgriffiger "Tuttiteile" mit
großem Tonumfang und dreistimmiger "Soloteile" in einem begrenzten
Tonraum. Das erste Thema ist charakterisiert mit einem aufsteigenden
Sextsprung, Synkopen- und Vorhaltsbildungen.
Es wirkt pathetisch
und erinnert an den Affekt der Passion, wie er häufig und nicht nur
in ausgesprochener Passionsmusik des Thomaskantors vorkommt. Das
zweite Thema ist eine durchgehende Sechzehntelfolge, die über drei
Takte mit nur geringfügiger Veränderung einzelner Töne wiederholt
wird. In der genannten Dreistimmigkeit durchgeführt ist schließlich
das dritte Thema. Es ist punktiert und wird taktweise einen Ton
tiefer sequenziert.
Das Thema der zugehörigen Fuge spreizt sich
von einem Ton ausgehend chromatisch bis zum Oktavsprung auf. Nach
der Exposition kommt es zu einer Vermischung von Durchführung und
Concerto-grosso-Form. Es gibt ein "stationäres", in sich sehr
bewegtes Thema, weiträumige schnelle Läufe, sowie ein ruhig
schreitendes Motiv im Pedal, später auch in den oberen Stimmen. Nach
einer gewaltigen Verdichtung der Elemente kehrt die Fugenexposition
als Reprise wörtlich wieder.
Das Pièce
héroïque von César Franck besteht aus drei Themen. Das
erste tritt hauptsächlich im Bass auf. Es ist impulsiv und
kraftvoll, was noch unterstrichen wird durch pulsierende
Akkordrepetitionen. Man könnte an einen heroischen Angriff denken.
Als Antwort oder Kommentar dazu wirkt das gleich folgende zweite
Thema in der Oberstimme mit teilweise ähnlicher Motivik. Diese
beiden Themen stehen in Moll. Ganz gegensätzlich ist das dritte
Thema. Es steht in Dur und ist choralartig weitgespannt. Es
beherrscht den ruhigen, beschaulichen Mittelteil. Nach Durchführung
aller drei Themen und Dramatisierungsphasen, die man vom Titel des
Stückes her durchaus als "heroisch" bezeichnen könnte wird der
krönende Abschluss gebildet vom dritten Thema, welches nunmehr im
Fortissimo triumphiert.
Ein laufend wiederholtes achttaktiges
harmonisch-rhythmisches Ostinato liegt meiner Toccata
"Exodus" zugrunde. Dazu kommen ein jazzartiges burleskes
und ein choralartiges eindringliches Thema. Im Pianissimo beginnend
wird die Toccata Schritt für Schritt aufregistriert. Ein kurzes
überraschendes Innehalten auf dreifach oktaviertem "g"
(Tritonusabstand zum Grundton "des" des Stückes) staut gewissermaßen
die angesammelte Energie, die dann verstärkt dem Höhepunkt
entgegenströmt. Diesen bilden im Tutti lang gehaltene Akkorde mit
einem dem zweiten Thema entstammenden Kontrapunkt im Pedal. Danach
entspannt sich die Lage Stück für Stück. Es wird abregistriert, die
Themen werden immer fragmentarischer bis zum völligen Verschwinden
des Ostinato im Unhörbaren.
Francois Couperin schrieb zwei
"Orgelmessen" mit je 21 Sätzen. Das "Qui tollis peccata
mundi, suscipe" ist das 6. Couplet ("Strophe") aus dem
Gloria der ersten Messe namens "Messe solemnelle a l’usage des
Paroisses." Es ist ein "Tierce en taille", das bedeutet eine ganz
bestimmte Klanglichkeit: In den zwei begleitenden Oberstimmen der
rechten Hand sind Grundstimmen in 16’-, 8’- und 4’-Lage registriert,
im Pedal solche in 8’-, evt. auch 16’-Lage, die linke Hand
schließlich hat in der Tenorlage ("taille") die Solostimme mit einer
Cornettregistrierung (8’, 4’, 2 2/3’, 2’, 1 3/5’ (=tierce!), 1
1/3’). Die Stimmen imitieren sich häufig gegenseitig. In typisch
französisch-barocker Manier ist der Satz reich an Ornamentik, sprich
Trillern und weiträumigen Verzierungen. Affekte des Textes wie
Betrachtung (des Leidens Jesu) oder Bitte (um Erhörung) sind
unschwer auch als solche der Musik auszumachen.
Die Improvisation
"Commovisti" ist geprägt von Empfindungen, die der
Text auslöst. Durch seine Thematik von Klage und Zerissenheit
einerseits, Bitte um Heil andererseits ergibt sich eine zweiteilige
Form. Beginnend mit einer "klageschwangeren Ruhe" tritt im ersten
Teil die innere Zerissenheit allmählich auch als äußere zu Tage. Der
zweite Teil hingegen ist lyrisch, das erbetene Heil schon erahnend.
Der gregorianische Choral zum Psalmvers "Commovisti" spielt eine
konstruktive Rolle, indem er, mal in der einen, mal in einer anderen
Stimme mal angedeutet, mal durchgeführt wird.
Für die
Improvisation "Nun komm der Heiden Heiland" stehen
die Choralphantasien Max Regers Pate. Jede Strophe ist ihrem
Textinhalt gemäß charakterlich durchgeführt. Die Melodie der ersten
Strophe liegt im Sopran, die der zweiten im Tenor. Es folgt eine Art
Durchführung. Ein von Tremolofiguren, Arpeggien und einem
pulsierenden Bass bestimmter "quirliger" Satz steigert sich.
Ausschnitte des Chorals werden eingeworfen und eingeflochten.
Allmählich häufen und verdichten sich diese, bis als Höhepunkt im
Tutti die dritte Strophe im Bass durchgeführt wird, kontrapunktiert
von toccatischen Akkorden. Eine Zäsur verschafft nun ein inniges
"Tänzchen", bei dem die vierte Strophe aparter Weise in einer
phrygischen Tonart mit der Traversflöte 4’ gespielt wird. Den
Schluss der Choralphantasie bildet eine "Crescendo-Fuge", deren
Thema aus dem Choral gebildet ist. Am Ende verbindet es sich mit der
durch verschiedene Stimmen geführten fünften
Strophe.
"Elegisch" nennen könnte man das liedhafte Thema des
Adagio (2. Satz) der 6. Orgelsymphonie von
Charles-Marie Widor. Die Registrierung ist entsprechend
stimmungsvoll: "Gambes et voix célestes", was einen streichenden und
schwebenden Klang ergibt. Nach einer reflektierenden einstimmigen
Linie erscheint das Thema überraschender Weise in einem ganz anderen
Licht als eingangs: Fortissimo, Animato, in Moll, die Pedalstimme
sehr bewegt, schließlich insistierend auf einem Punkt. Es folgt eine
Phase der Entspannung, nach der wiederum das Thema auftaucht, nun
umso abgeklärter. Alleine schon die dynamische Ebene gibt diese
Entwicklung wieder. Statt des Mezzoforte des Anfangs ist der
Schlussteil im Piano und Pianissimo gehalten.
Karl Straube,
der Regers Orgelwerke zu dessen Lebzeiten und weit darüber hinaus
spielte und verbreitete schrieb: "Die Phantasie "Halleluja!
Gott zu loben, bleibe meine Seelenfreud" ist formal
angesehen die Krönung seines (Regers) Schaffens in diesem
Kunstgebiet." Die erste Strophe wird im Bass, die zweite im Tenor
durchgeführt. In der zweiten Strophe hat der Bass ein fallendes
Motiv, textgemäß die Vergänglichkeit der weltlichen Macht
ausdeutend. Nach kürzeren Durchführungen der folgenden Strophen
folgt eine große Fuge. Sie steigert sich allmählich bis sich
schließlich das Fugenthema mit der letzten Strophe verbindet. Diese
beginnt im Bass und wird im Sopran fortgesetzt. Mit einer
kanonischen Führung der ersten Strophenzeile in den Außenstimmen,
verbunden mit dem Fugenthema in den Mittelstimmen, alles oktaviert
und mit weiteren Stimmen vollgriffig im Tutti gespielt, kommt es zu
einem grandiosen Höhe- und Schlusspunkt.
Zur Auswahl
Das Programm dieser CD
entstand aus der Absicht heraus, exemplarische Werke aus den für die
Orgelmusik bedeutendsten Ländern (Frankreich und Deutschland) und
Epochen (Barock und Romantik) sowie eigene Komposition und
Improvisation so auszuwählen und zusammenzustellen, dass sie nicht
nur für sich, sondern auch "füreinander" wirken und auf diese Weise
eine eigene musikalische Dramaturgie
bilden.
Einige theologisch inspirierte
Gedanken
Bei der Entwicklung des
Programms der vorliegenden CD ergab sich für mich außer einem
musikalisch-dramaturgischen Aufbau auch ein gewisser theologischer
roter Faden. Dieser lautet in etwa: "Der Mensch vor Gott und auf dem
Weg zu ihm." Deutlich sichtbar wird das mit den choralgebundenen,
sprich textlich bezogenen Kompositionen und Improvisationen. Aber
auch für die textfreien Werke sind Assoziationen mit theologischer
Dimension möglich.
In diesem Sinne wäre Bachs Präludium und Fuge
e-Moll eine "Ouvertüre", die zunächst einmal von den "größten
Dingen" kündet: Gott, Schöpfung, Vorsehung, Liebe.
Mit Francks
"Pièce héroïque" artikuliert sich der "Mensch als solcher". Zentrale
Themen der Romantik sind Sehnsucht, Leiden, Utopie. Der romantische
Mensch befindet sich "hier" und sehnt sich nach "dort".
In der
anschließenden Toccata "Exodus" hatte ich beim Komponieren unter
anderem einen wandernden, suchenden, leidenden Menschen vor Augen –
und ein dem Menschen gegenüber gleichgültiges "Es" ("Schicksal"
statt "Vorsehung").
Mit Couperins Messkomposition kommt die
Ausrichtung auf Gott: "Der du trägst die Sünde der Welt, erhör unser
Gebet."
Die folgende Improvisation "Commovisti Domine" steht
zwischen Klage und Heil: "Erschüttert hast du das Land und
gespalten. Heile seine Risse!" Konkret wird das Heil mit der
Menschwerdung Gottes. So passt jetzt die Choralphantasie "Komm du
Heiland aller Welt".
Heil und Frieden scheinen mir auch mit
ausgedrückt zu werden im folgenden Adagio Widors.
Abschließend
folgt sinnfällig die Antwort eines Menschen, der Gottes Nähe und
Liebe erfahren hat: ein meist rauschender, dazwischen umso inniger
Lobpreis mit Regers Choralphantasie "Halleluja! Gott zu loben,
bleibe meine Seelenfreud".
Die Orgeln
Für die unterschiedliche
Stilistik und Klanglichkeit der eingespielten Werke wurden
verschiedene Orgeln ausgewählt.
Die barocke Literatur ist auf
zwei weltweit berühmten Orgeln eingespielt:
Der Gabler-Orgel in
der Basilika zu Weingarten und der Silbermann-Orgel in der
Kathedrale zu Dresden. Auf letzterer lotet außerdem die
Improvisation "Commovisti" Möglichkeiten einer modernen Tonsprache
aus.
Die Improvisation "Komm du Heiland aller Welt" ist von der
typisch romantischen Spielweise und Klanglichkeit der Walcker-Orgel
in Ulm, St. Georg inspiriert.
Für César Francks "Pièce héroïque"
eignet sich hervorragend die Späth-Orgel in Riedlingen, St. Georg.
Die epochal ungebundene Rensch-Orgel in der Marienkirche in Laupheim
schließlich wird durch ihre Plastizität der rhythmisch profilierten
Toccata "Exodus" gerecht, erlaubt eine klare, gleichwohl
stimmungsvolle Darstellung des Adagios von Widor und eignet sich
schlußendlich auch gut für die Klanglichkeit und die polyphonen
Strukturen der Regerschen Choralphantasie.
Gregor
Simon
Kurzportrait der
Orgeln
Weingarten, Basilika St.
Martin: Joseph Gabler, 1737-1750;
1983 Restaurierung durch Kuhn;
IV/63 (4 Manuale, 63 Register)
Dresden, Kathedrale Ss.
Trinitatis: Gottfried Silbermann, 1750-1755;
2002 Restaurierung
durch Jehmlich und Wegscheider; III/47
Ulm, St. Georg: Oscar
Walcker, 1904;
2004 Restaurierung durch Kuhn;
III/45
Riedlingen, St. Georg: Hartwig Späth, 1997;
III/44
Laupheim, Marienkirche: Richard Rensch, 1998;
III/30
Die Texte der
Choralphantasien
Komm, du Heiland aller
Welt
1. Komm, du Heiland aller Welt; Sohn der
Jungfrau, mach dich kund.
Darob
staune, was da lebt: Also will Gott werden Mensch.
2. Nicht nach
eines Menschen Sinn, sondern durch des Geistes
Hauch
kommt das Wort in unser
Fleisch und erblüht aus Mutter Schoß.
3. Wie die Sonne sich
erhebt und den Weg als Held
durcheilt,
so erschien er in der
Welt, wesenhaft ganz Gott und Mensch.
4. Glanz strahlt von der
Krippe auf, neues Licht entströmt der
Nacht.
Nun obsiegt kein Dunkel
mehr, und der Glaube trägt das Licht.
5. Gott dem Vater Ehr und
Preis und dem Sohne Jesus
Christ;
Lob sei Gott dem Heilgen
Geist jetzt und ewig. Amen.
Halleluja! Gott zu loben bleibe meine
Seelenfreud
1. Halleluja! Gott zu loben bleibe meine
Seelenfreud!
Ewig sei mein Gott
erhoben, meine Harfe ihm
geweiht.
Ja, so lang ich leb und
bin, dank, anbet und preis ich ihn.
2. Setzt auf Fürsten kein
Vertrauen! Fürstenheil steht nimmer
fest;
wollt ihr auf den Menschen
bauen, dessen Geist ihn bald verlässt?
Seht, er fällt, des Todes Raub,
und sein Anschlag in den Staub.
3. Heil dem, der im Erdenleben
Jakobs Gott zur Hilfe hat,
der sich
dem hat ganz ergeben, dessen Nam ist Rat und
Tat!
Hofft er von dem Herrn sein
Heil, seht, Gott selber ist sein Teil.
4. Er, der Himmel, Meer
und Erde mit all ihrer Füll und
Pracht
durch sein schaffendes: "Es
werde!" hat aus nichts
hervorgebracht:
er, der Herrscher
aller Welt, ist’s, der Treu und Glaube hält.
5. Er ist’s, der den
Fremdling schützet, der die Witwen hält im
Stand,
der die Waisen unterstützet,
ja sie führt an seiner Hand.
Der
Gottlosen Wege er kehret in des Todes Nacht.
6. Er, der Herr,
ist’s, der den Blinden liebreich schenket das
Gesicht;
die Gebeugten, Kranken
finden bei ihm Stärke, Trost und
Licht.
Seht, wie Gott, der alles
gibt, immer treu die Seinen liebt.
7. Er ist Gott und Herr und
König, er regieret ewiglich:
Zion,
sei ihm untertänig, freu mit deinen Kindern
dich!
Sieh, dein Herr und Gott ist
da! Halleluja! Er ist nah!
Gregor Simon
Studium
Gregor Simon studierte Kirchenmusik (A) in Saarbrücken und
München
sowie Musiktheorie und Gehörbildung in Detmold.
Seine Lehrer im Orgelliteraturspiel waren Prof. Daniel Roth
und Prof. Harald Feller, in der Orgelimprovisation Prof. Bernhard
Haas und Wolfgang Hörlin
Beruf
1997 – 2001 war er in Stuttgart Dekanatskantor und
Kirchenmusiker.
Nach einem Jahr als freiberuflicher Organist und Chorleiter
in Stuttgart
trat er 2003 die Stelle des Kirchenmusikers in Laupheim (bei
Ulm) an.
Seit 2008 betreut er zusätzlich als Dekanatskantor den
Dekanatsbezirk Ochsenhausen.
1995 gründete er den Laudate Chor
Oberschwaben.
Rund 10 Konzerte jährlich gibt er als Organist und
Chorleiter.
Darüber hinaus widmet er sich der Improvisation und
Komposition.
Kompositionswettbewerbe
Seine „Deutsche Messe für Marienfeste“ wurde beim Wettbewerb
„Slatkonia-Preis“ als die beste Einreichung 2002 prämiert. Die
30minütige Komposition für Chor, Orgel, Gemeinde und Kantor wurde im
Stefansdom in Wien uraufgeführt.
2003 erhielt er mit „Preisungen“ den dritten Preis beim
Kompositionswettbewerb der Diözese Rottenburg - Stuttgart
„Eucharistische Chorstücke“.
„Preisungen“ wurde uraufgeführt im Rottenburger Dom.
2007
gewann er mit „Christus in aeternum“ den Kompositionswettbewerb
Stralsund. Das zwölfminütige Stück für Chor und Orgel wurde
2008
vom
Opernchor des Theater Mecklenburg-Vorpommern
uraufgeführt.
Improvisationswettbewerb
Beim
Internationalen Orgelimprovisationswettbewerb 2008 in Schlägl
erhielt er den
Publikumspreis.
Veröffentlichungen
2003
wurde seine Chorkomposition „Preisungen“ im Heft „Christusgesänge“
vom
Cäcilienverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart
herausgegeben.
2007
erschien beim Bärenreiter Verlag in seinem 3. Band von
„Jazz
Inspirations for organ“: „Blues per organo“ und „Song for
organ“.