Zu den Werken
Joseph Haydns je 12 "Deutsche Lieder für das Clavier", Teil I und II erschienen 1781 bzw. 1784 bei Artaria in Wien. Während der erste Teil binnen eines Jahres entstand und auch völlig homogen erscheint, durchdacht in seiner Dramaturgie, tat sich Haydn mit dem zweiten Teil seines Artaria, bereits 1781 als "24 Lieder" versprochenen Werkes, deutlich schwerer.
Der Kompositionsprozess zog sich über fast vier Jahre hin, bis Haydn die Ausgabe schließlich 1784 in aller Eile fertig stellte. Dem zufolge äußerte Marianne Helms zu Recht Zweifel an der Reihenfolge des Erstdrucks von Teil II, die wohl mehr den äußerlichen Gegebenheiten als einem Gesamtkonzept Haydns entspricht. (M. Helms: "Zur Entstehung des zweiten Teils der 24 deutschen Lieder", Bericht über den Internationalen Haydn Kongress Wien, Hofburg, 5.-12.9.1982, für die Gesellschaft für Forschung zur musikalischen Aufführungspraxis hrsg. von Eva Badura-Skoda, Henle 1986)
Da aber Haydns Absicht nicht deutlich wird, haben wir uns entschlossen, dennoch der Reihenfolge der Artaria-Ausgabe von 1784 zu folgen.
Schon bald folgten Nachdrucke in deutscher, englischer, französischer und dänischer Sprache, außerdem diverse Einzelausgaben verschiedener Lieder. Die Herausgeber folgten darin nicht immer der Reihenfolge und den Überschriften Artarias und so seien die deutschen Abweichungen letzter als kleine Interpretationsanregung hier aufgelistet (auch hier wird deutlich wie sehr sich die Ausarbeitungen von Teil I und II unterscheiden):
Teil I Nr. 1 "Das scherzende Mädchen"
Teil II Nr. 1 "Jeder meint, das holde Kind" oder
"Warnung an Mädchen"
oder "Liebe ist blind"
Nr. 2 "Ernst und Scherz" oder "Die junge Schäferin"
Nr. 3 "An die Geliebte" oder "Liebeserklärung"
Nr. 4
"Wünsche der Liebe"
Nr. 5
"Gebet" oder "Gebeth zu Gott"
Nr. 6
"Frohsinn und Liebe" oder "Die Hoffnung"
Nr. 7
"Trauergesang"
Bei Nr. 12 aus Teil I "Die zu späte Ankunft der Mutter", dessen
Text von Christian Felix Weiße Haydn von Artaria erhalten hatte, fürchtete der
Komponist übrigens die Zensur des Liedes. Hier zeigt sich vielleicht besonders
deutlich der feine untergründige Humor der vertonten Texte, in denen "Echtheit"
an Stelle von "Modegeschmack" oder "Virtuoseneitelkeit" stehen soll.
Den zarten Andeutungen der Texte entspricht ein schlichter Claviersatz, in dem
nur in seltenen Fällen die Oberstimme nicht der Gesangslinie folgt.
Das clavierbegeleitete Sololied - und dabei meint der Terminus "Clavier"
ausdrücklich das Clavichord - wurde zu einer Modeerscheinung. Dabei trug das
zarte empfindsame Instrument nicht nur den schlichten Stimmen der DilettantInnen,
dem Musizieren im rein häuslichen Rahmen Rechnung, sondern wurde auch als das
Instrument gerühmt, das die Einsamkeit und den Schmerz lindere, betrübte Herzen
beruhige, die Seele aufmuntere und innige Verbundenheit mit dem Geliebten
symbolisiere. Dabei verlangt die Zartheit des Instruments auch einen besonderen
Umgang mit der Singstimme, für ausgebildete Stimmen eine besondere
Herausforderung.
Eine besondere Geschichte liegt dem einzeln überlieferten Lied "Der schlaue und
diensteifrige Pudel" zu Grunde, die der Haydn-Biograph Dies so anschaulich
schildert, dass sie hier zitiert sein soll:
(Biographische Nachrichten von Joseph Haydn, nach mündlichen Erzählungen
desselben entworfen und herausgegeben von Albert Christoph Dies,
Landschaftsmaler, Wien 1810, zitiert nach der 2. Auflage Berlin 1962):
"Haydn erhielt von einem jungen ausländischen (ich vermute, dass Haydn das
Wort 'ausländisch' aus Absicht gebrauchte, um die Nachforschungen zu vereiteln)
Fräulein einen Brief, der so vertraut abgefaßt war, als hätten beide Personen
schon zwanzig Jahre lang einander gekannt. (...) Das Fräulein erzählte, sie sei
eines Hauptmanns Tochter und in einen Offizier verliebt, der sie aber nicht
heiraten würde und ihr lieber Haydn, der, wie sie wisse, keinem jungen und
artigen Frauenzimmer etwas abschlagen könne (Haydn konnte dieses nicht ohne
Lächeln erzählen), ihr nicht den Gefallen erzeigte, durch Beihilfe seiner
göttlichen Musik ihr den Offizier zum Manne zu verschaffen. Nun zergliederte das
Fräulein umständlich, wie und warum Haydn das könne. Ich ersuche die Leser,
davon soviel sagen zu dürfen, als nötig ist, den Vorfall zu verstehen. Das
Fräulein hatte Verse an Haydn geschickt, die sie selbst gedichtet und zu welchen
sie eine schöne Melodie wünschte. Mit dieser Melodie wollte das Mädchen den
Liebhaber überraschen, ihm das Lied vorsingen. Sie hoffte, er müsse dadurch
gerührt werden und werde sie heiraten. Ohne Zweifel werden die Leser eine große
Meinung von dem Inhalt des überschickten Textes gefaßt haben und auch glauben, die
Schöne müsse wenigstens wie ein Engel gesungen haben. Über den letzten Punkt ist
nur zu vermuten, daß ihre Stimmen rührend sein konnte, wenn sie gleich im Briefe
gebeten hatte, Haydn möchte ihrer schwachen Brust nicht viel zumuten und sie oft
ausruhen lassen.
Über den Inhalt des Textes werden die Leser ohne Zweifel schon beim Lesen der
Überschrift in Verwunderung geraten und ebenso wenig wie ich begreifen, wie der
schlaue und dienstfertige Pudel einen Liebhaber zum Entschluß bringen könne,
eine Heirat zu beschleunigen? Vielleicht wird dies durch die Geschichte des
Pudels verständlich.
Der Vorfall ist wahr. Der Pudel war des Liebhabers wirklich geliebtes Eigentum
und hatte den vollkommensten Pudelverstand. (...)
Das Fräulein glaubte des Offizier Herz zu erobern, wenn es die Tat des Pudels in
Versen verewigte und, um Haydn anzuspornen, eine recht schöne Melodie zu
verfertigen, hatte sie einen Dukaten im Briefe eingeschlossen mit der Bitte,
diese kleine Summe nicht zu verschmähen. Eingeschränkte Glücksumstände
verhinderten die Geberin, nach ihrem Wunsche zu belohnen.
Haydn setzte die Musik (in B-Dur), überschickte sie samt dem Dukaten an die
Schöne und fragte sie, ob sie ihn für einen so kargen Geizhals hielte, der auf
einen Dukaten erpicht wäre? Zur Strafe solle sie ihm mit eigenen Händen ein paar
Strumpfbänder zum Andenken verfertigen. Die Schöne nahm das für Ernst,
überschickte kurz nachher die Strumpfbänder, meldete, sie sei krank und fügte
hinzu, wenn Haydn in vierzehn Tagen keine weitere Nachricht von ihr empfang, so
möchte er sie unter die abgeschiedenen Seelen zählen. Die Nachricht kam nicht,
und es ist wahrscheinlich, daß das Fräulein mit einem schwindsüchtigen Körper
über den mißlungenen Heiratsversuch sich zu Tode gegrämt hat."
Über das Lied "Gott erhalte den Kaiser", komponiert 1796/1797 zum Geburtstag
des Kaisers am 12. Februar 1797 ist bereits viel geschrieben worden. Angeblich
sang Haydn es oft abends, sich selbst am Clavier begleitend (Albert Christoph
Dies).
Über die letzten Tage von Haydns Leben berichtet wiederum Dies:
"Am folgenden, ja sogar noch am nämlichen Tage, an welchem sich Haydn legen
mußte, ließ er seine Dienstleute um sich herversammeln und spielte ihnen in
Begeisterung das Kaiserlied vor.
Ich möchte mich eines dichterischen Ausdrucks bedienen und sagen: es war das
letzte Mal, daß er der Muße Gegenwart empfand, die erschienen war, von ihrem
Liebling auf ewig Abschied zu nehmen."
Wir beschlossen, das Lied in zwei Versionen zu musizieren: einer stillen
"Kammerversion" mit solistischer Stimme mit Clavichord und einer
"Familienfassung" mit einem kleinen Chor, in dem getreu dem biedermeierlichen
Bild der kaiserlichen Familie Mitglieder aller Altersstufen singen.
"O sanfter Ton" basiert auf dem englischen Text "O Tuneful Voice" von Anne
Hunter, auf deren Dichtungen Haydn vielfach für seine späteren Liedersammlungen,
den 1794 bzw. 1795 erschienenen 12 englischen Canzonetten, zurück griff.
Das Lied zeigt in seiner Anlage, seiner expressiven Melodik und seinem
auskomponierten Claviersatz einen deutlich späteren Stil.
Der Text entstand ursprünglich als Abschiedsgedicht aus Anlass der Abreise
Haydns im August 1795. Sein schwärmerischer Tonfall entspricht der englischen
Mode des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Die Vertonung des Textes ist als Gegenkompliment Haydns zu verstehen.
("Eben komme ich von Haydn". Georg August Griesingers Korrespondenz mit
Joseph Haydns Verleger Breitkopf & Härtel 1799-1819, hrsg. von Otto Biba 1987,
S. 224.).
Unsere deutsche Fassung geht auf einen Druck bei Breitkopf und Härtel
(Leipzig) zurück.
In der italienischen Solokantate "Arianna a Naxos" spricht der Clavierpart
eine gänzlich andere Sprache, trägt er doch gleichsam orchestrale Züge. Haydn
komponierte die Kantate wahrscheinlich Ende 1789 und musizierte sie diverse Male
1790 in Wien in "musikliebenden Häusern". Am 12. April 1790 versprach Haydn dem
Londoner Verleger John Bland eine Orchesterfassung, zu der es allerdings nie
kam. Stattdessen gab Haydn die Kantate selbst bei seinem ersten Londoner
Aufenthalt in der Clavierfassung heraus.
Die erste uns bekannte Aufführung fand mit dem berühmten Kastraten Gasparo
Pacchierotti (1740-1821) und Haydn selbst am Clavier bei "Mrs. Blair in Portland
Place" statt. Angekündigt war übrigens, dass Haydn am Cembalo auftreten solle,
der Rezensent der Morning Post spricht von einem Hammerflügel. Wie auch immer,
beide Instrumente waren deutlich für den Komponisten und das Konzertpublikum
denkbar. Die Kantate wurde ein "Hit" und der größte Erfolg dieser ersten Saison
Haydns in England. Das Londoner Publikum war verzückt und laut Morning Post "in
Tränen aufgelöst."
Claudia Schweitzer
Susanne Lohmiller
Susanne Lohmiller studierte Gesangspädagogik und Solo-Gesang an der
Musikhochschule in Freiburg/Breisgau. Abschluss des Studiums am Mozarteum in
Salzburg mit dem Konzertdiplom. Des weiteren nahm die Sängerin an Seminaren für
Aufführungspraxis alter Musik bei Nikolaus Harnoncourt und Meisterkursen bei
Elisabeth Schwarzkopf und Kurt Widmer teil. Zudem widmet sich S. Lohmiller der
experimentellen Musik. Sie wirkte mit u.a. bei der "Ars Electronica" in Linz und
bei den OFF-Festspielen "Zeitfluss" in Salzburg.
Die Sängerin lebt als Gesangspädagogin in Marburg. Neben ihrer
Unterrichtstätigkeit arbeitet die Künstlerin als Konzertsängerin in den
Bereichen Lied, Oratorium und freie Improvisation.
Claudia Schweitzer
Claudia Schweitzer studierte historische Tasteninstrumente mit Schwerpunkt
Cembalo. Seit ihrem Solistinnen-Diplom ist die in Melsungen ansässige
Cembalistin als freischaffende Musikerin und Musikpädagogin tätig. Zusätzlich
unterrichtet C. Schweitzer Cembalo und Solokorrepetition an der Hochschule für
Musik und Theater in Leipzig.
Neben zahlreichen Solo-Recitals und der Zusammenarbeit mit verschiedenen
SolilstInnen ist Claudia Schweitzer Cembalistin des Ensembles "La Capriola".
Ihre wissenschaftlichen Arbeiten fanden Niederschlag in mehreren
Veröffentlichungen barocker Instrumentalmusik und Übersetzungen alter Traktate.
Zur Zeit forscht sie über Leben und Werk der Komponistin Madame Ravissa de
Turin.
Zum verwendeten Instrumentarium
Lange Zeit standen Cembalo und Hammerclavier konkurrierend nebeneinander, bis
sich schließlich das Pianoforte durchzusetzen vermochte. Das Cembalo war dem
Hammerclavier lange an technischer Zuverlässigkeit, Lautstärke und Brillanz
überlegen, das Hammerclavier entzückte durch seine neuen Farben und dynamischen
Ausdrucksmöglichkeiten. In diese Übergangszeit fällt Haydns Schaffen, und
obschon sich für bestimmte Werke einzelne Instrumente durch den Satz, durch
schriftliche Belege oder Besitzverhältnisse fest machen lassen, ist doch das
Gros des Haydn'schen Oeuvres auf Cembalo wie auf Hammerclavier denkbar. Ja, mehr
noch, hinzu tritt als drittes Tasteninstrument das Clavichord, das über einen
ebensolchen Farbreichtum verfügt wie das Pianoforte, durch seine geringe
Lautstärke aber der "Kammer" vorbehalten blieb.
Eine Fülle von "Liedern, beym Clavier zu singen" deuten auf seinen
mannigfaltigen Gebrauch hin. Es liegt nahe, daher auch einige der Deutschen
Lieder, insbesondere die intimeren, auf dem Clavichord zu interpretieren.
Wir haben für unsere Einspielung folgende Instrumente gewählt:
1. Cembalo nach deutschen Vorbildern des späten 18. Jahrhunderts, gebaut von
Bernhard von Tucher, Leitheim 1998, mit der Disposition 8' 8' 8' peau de buffle
und Laute,
2. bundfreies Clavichord nach einem Originalinstrument von Johann Christian
Gottlieb Schiedmayer (Neustadt a. d. Aisch, 1787), gebaut von Jürgen Ammer,
Breitenbach bei Kassel 1997.
Der neuen Klangästhetik entsprechend wurde in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts mit dem Instrument Cembalo experimentiert. Durch verschiedene
Schweller (insbesondere in England), Kniehebel oder Pedale für schnelle
Registrierungen (Frankreich und England) oder verschiedene Materialien
(Frankreich und Deutschland) sollte der starre Cembaloklang beweglicher und
nuancenreicher gestaltet werden. Beim Peau de buffle Register sind die Kiele
nicht aus Vogelkiel bzw. Delrin, sondern aus Büffelleder gemacht, das eine
weiche, schmeichelnde Klangfarbe mit leichter Anschlagdynamik erzeugt.
Gestimmt wurde in Neidhardt (1729) auf a1=413 Hz..
Claudia Schweitzer
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